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Feindbild Connewitz

Unter dem Titel „Wie die Gewalt nach Connewitz kam“ wurde in der LVZ am 26. November 2019 ein recht reißerischer Artikel veröffentlicht, der sich an einer historischen Darstellung der Entwicklung des Ortsteils seit 1990 versucht – mit dem Schwerpunkt auf Gewalt, Randale, Linksextremismus etc. Also alles, was das Herz der Kommentierenden auf LVZ-Online gemeinhin höher schlagen lässt. Zu Wort kommen: Ein CDU-Stadtrat, der ex-CDU-Kreisvorsitzende Robert Clemen, Sebastian Gemkow als Oberbürgermeisterkandidat der CDU und Holger Tschense (vormaliger SPD-Bürgermeister, jetzt T & T business consulting GmbH & Co. KG), seinerzeit Stellvertreter für einen erkrankten CDU-Kollegen. Auch Jule Nagel und die OBM-Kandidatinnen von DIE LINKE sowie den Grünen werden kurz zitiert. In weiteren illustren Rollen: „Ein Zeitzeuge“, „einer der Akteure“, ein „früherer Rathausmitarbeiter“, „ein Insider“, „ein frustrierter Leipziger“, „der Experte“ und „die Spezialisten des Polizeilichen Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrums“.

Der Artikel reiht sich ein in eine Berichterstattung, aus der man den Eindruck ziehen könnte, Connewitz sei ein Hort von Gewalt, Kriminalität und Zerstörung. Für Connewitzerinnen und Connewitzer dürfte diese Erzählung eine Reaktion irgendwo zwischen Abwinken und Gelächter produzieren – bei so einigen anderen Leipzigerinnen und Leipzigern aber durchaus verfangen. Gerade vor der anstehenden Wahl einer oder eines neuen OBM in der Stadt ist das verlockend: Law-and-Order braucht immer irgendwo Unordnung und Gesetzlosigkeit, um als Erzählung zu funktionieren.

Im Artikel geht es dann auch bunt durcheinander. Direkt nach einem Zitat über Gewalt schafft der Autor den Dreh hin zu Graffiti: „Wie schlimm es heute ist, kann jeder in der Bornaischen Straße sehen: Alle Hausfassaden sind mit Graffitis und Tags über und über besprüht.“ Kurzum: Wie schlimm es mit der Gewalt ist, sieht man am Graffiti. „Immer mehr Connewitzer“ würden sich zudem den „Zwängen“ anpassen, nur noch hinter „vorgehaltener Hand“ Kritik äußern. Empirisch belegt ist das nicht und überprüfbar ist es kaum – einige andere Anwürfe gegen den Ortsteil hingegen schon.

Nicht mehr Straftaten

Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie viele Straftaten es in einem Ortsteil gibt, kann man einen Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik werfen. Die umfasst zwar keine Verurteilungen, sondern nur Anzeigen, gibt aber zumindest Hinweise. Diese Zahlen werden auch auf Ortsteilebene vom Leipziger Amt für Statistik und Wahlen veröffentlicht. Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zur Einwohner*innenzahl, ergibt sich folgendes Bild:

Eigene Berechnung und Darstellung. Quelle: Landeskriminalamt Sachsen via: Stadt Leipzig LIS, https://statistik.leipzig.de, zuletzt aufgerufen am 30.11.2019 14:42 Uhr

Bei der Gesamtzahl der Straftaten je 1.000 Einwohner*innen liegt der Ortsteil Connewitz nicht über dem Wert für die gesamte Stadt Leipzig – seit 2014 sogar eher spürbar darunter. Auch bei den angezeigten Körperverletzungen ist nicht ersichtlich, dass Connewitz deutlich über dem Wert der ganzen Stadt liegt:

Eigene Berechnung und Darstellung. Quelle: Landeskriminalamt Sachsen via: Stadt Leipzig LIS, https://statistik.leipzig.de, zuletzt aufgerufen am 30.11.2019 17:12Uhr

Hohes Sicherheitsgefühl

Auch was das Sicherheitsgefühl angeht, scheinen sich die Einwohner*innen von Connewitz keineswegs besonders unsicher zu fühlen – im Gegenteil. Aus der kommunalen Umfrage zur Sicherheit aus dem Jahr 2016 [PDF] geht hervor, dass sich die Menschen im PLZ-Bereich, in dem auch Connewitz liegt, Nachts „sehr sicher“ fühlen. Auch tagsüber scheint das Sicherheitsgefühl eher positiv zu sein:

Die anderen Darstellungen bezüglich gefühlter Sicherheit oder Unsicherheit der Befrgung deuten ebenfalls keineswegs auf eine größere Unsicherheit im Ortsteil hin.

In der ein Jahr später erschienen kommunalen Bürgerumfrage 2017 kommt das PLZ-Gebiet im Süden hinsichtlich des Sicherheitsgefühls gleichfalls ausgesprochen gut weg:

Bild und Quelle: Stadt Leipzig (Hrsg.): Kommunale Bürgerumfrage 2017. Ergebnisbericht, Stadt Leipzig: Leipzig 2018, S. 51

Hohes Engagement

Im eingangs erwähnten LVZ-Artikel heißt es auch pauschal, „wer im Stadtteil etwas verändern will, wird massiv bedroht“. Diese pauschale Aussage zu prüfen, ist ohne weiteres nicht möglich. Aber immerhin liefert die kommunale Bürgerumfrage 2017 der Stadt Leipzig einen interessanten Befund: Laut den Angaben der Befragten ist der Anteil der ehrenamtlich Engagierten in keinem Ortsteil Leipzigs höher, als in Connewitz (34 %).

Bild und Quelle: Stadt Leipzig (Hrsg.): Kommunale Bürgerumfrage 2017. Ergebnisbericht, Stadt Leipzig: Leipzig 2018, S. 120

Normale Zufriedenheit mit dem Viertel

Im Rahmen der kommunalen Bürgerumfragen wird auch regelmäßig die Zufriedenheit mit dem eigenen Wohnviertel abgefragt und zumindest im Abstand von zwei bis fünf Jahren auch auf Ortsteilebene veröffentlicht. Dort sind die Fallzahlen zwar nicht besonders hoch (Connewitz: n = 93 im Jahr 2003, sonst 107 < n < 174), aber so man dennoch einen Blick auf diese Zahlen riskiert ist die Zufriedenheit (Skala 1 bis 5, 1 = „sehr zufrieden“, 5 = „sehr unzufrieden“) mit dem eigenen Viertel nicht wirklich niedriger, als im stadtweiten Durchschnitt:

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„Die sollen mal orbeidn gehen!“

Ein zumindest auf Facebook und der LVZ-Kommentarspalte beliebter Vorwurf ist außerdem, in Connewitz wohnten quasi nur Autonome, Hippies und Studenten – die „mal orbeidn gehen“ sollten. Ohne auf die Abstrusität des Vorwurfs als solche einzugehen, erfolgt an dieser Stelle nur der Hinweis auf den Anteil der Bevölkerung, der sein Einkommen überwiegend aus Erwerbsarbeit bestreitet (auch Rentner*innen sind also ausgenommen):

Eigene Darstellung. Quelle: Stadt Leipzig (Hrsg.):Kommunale Bürgerumfrage 2013, 2005, 2008, 2013, 2015, 2017. Ergebnisberichte, Stadt Leipzig: Leipzig

Bis auf das Jahr 2008 liegt der Anteil derer, die ihren Lebensunterhalt primär durch Erwerbsarbeit bestreiten, im Ortsteil Connewitz höher, als in der ganzen Stadt Leipzig. Womit, um das ausdrücklich zu betonen, nichts gegen Menschen gesagt sei, die Renten, Sozialleistungen oder was-auch-immer beziehen. Der hingerotzte Satz „Die sollen mal arbeiten gehen!“ funktioniert also nicht nur intellektuell, sondern auch statistisch nicht.

Wie der Mythos in die LVZ kam

Wie der Mythos Connewitz in die LVZ kam und warum er sich so hartnäckig halten kann, lässt sich hier natürlich nicht beantworten. Dass aber nicht wenige Akteure des politisch Rechten Spektrums ihre Freude daran haben, auf vermeintlich „rechtsfreie Räume“ (egal, ob das ganze Ortsteile oder gleich „das Internet“ ist) zu zeigen, dürfte hinlänglich bekannt sein. Gerade vor Wahlen taugt Connewitz zur Freude von CDU & Co. für die ein oder andere Schlagzeile. Nach der Wahl haben sich dann aber meist andere über die Präsenz des Ortsteils und seiner Nachbargebiete in den Schlagzeilen gefreut.

Zu Gute halten muss man der LVZ allerdings, dass sie nach dem besagten Artikel, um den es hier ging, dieses lesenswerte Interview mit Historiker Sascha Lange veröffentlicht hat: Besetzte Häuser und Neonazis: So waren die 1990er in Leipzig-Connewitz.

Nachtrag: In der Ursprungfassung hieß es, Robert Clemen sei Vorsitzender der CDU Leipzig. Stimmt aber nicht, er ist nur Ex-Vorsitzender ;) Und: Seit der LVZ-Online-Umstellung auf mehr Paywall gibt’s die Kommentare vor allem noch als wohlig-mulmige Erinnerung. Danke an Sans Franc für die Hinweise.

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